Wie werde ich Berliner #1: Alltagsleben

Als ich neulich an der Uni von einem Seminar zum nächsten gesprintet bin, ist mein Blick am Cover einer Zeitschrift hängen geblieben. Auf dem Titel stand “Wie werde ich Berliner?”. Erst huschte die Schlagzeile an mir vorbei wie alle anderen Bilder, Infos und Plakate, die mir auf meinem Weg so begegneten. Doch ein paar Meter weiter habe ich angehalten und bin den Flur ein Stück zurückgelaufen. Die Zeitschrift habe ich mitgenommen und seitdem mache ich mir Gedanken darüber, wie man denn nun Berliner wird.

Manche von euch wissen vielleicht, dass ich zwar seit etwa dreieinhalb Jahren in Berlin lebe, aber nicht ursprünglich von hier stamme. Geboren und aufgewachsen bin ich im wunderschönen Saarland (und ja, ich pflege das “wunderschön” zu betonen).

In dem Artikel gab es dann drei Tests, in denen man seinen Kiez, seinen Style und seinen Club in Berlin finden kann. Hat mir jetzt nicht allzu viel gebracht. Wohnen soll ich in Spandau, mein Kleidungsstil nennt sich Young Professional und der richtige Club konnte nicht zugeordnet werden, weil ich offenbar noch nicht bereit bin fürs Berliner Nachtleben. Wer Lust hat, kann sich ja mal selbst eine Ausgabe besorgen (nähere Angaben am Ende des Artikels) und es probieren.

Was hat es also mit dem Berliner-Sein im Alltag auf sich? Wo begegne ich dem für mich typischen Berlin? Eigentlich bin ich zufrieden und glücklich damit, Saarländerin zu sein. Das möchte und werde ich wahrscheinlich im Herzen auch immer bleiben. Aber Berlin hat seine Eigenarten und auch ich habe mich an die ein oder andere angepasst – oder mich zumindest damit abgefunden.

 

Drei Schrippen, bitte!

Ja, endlich versteht mich auch die nette Verkäuferin beim Bäcker. Weck oder Brötchen scheint es hier nicht zu geben. Hier isst man Schrippen genauso gerne wie…

… Pfannkuchen!

Beim Babysitten ist es mir zum ersten Mal passiert, dass die Kleinen Pfannkuchen vom Bäcker haben wollten. Pfannkuchen? Beim Bäcker? Wo gibt’s denn bitte sowas. Was sie wollten, waren Berliner. Aber damit brauchte ich besagter Bäckersfrau nicht kommen. Ich lernte also dazu: Was für mich Pfannkuchen sind, sind für die Berliner Eierkuchen. Sowas wie Crêpes. Aber wirklich nur sowas Ähnliches. Was für mich Berliner sind, also Berliner vom Bäcker, sind für die Berliner Pfannkuchen. Also Krapfen. Am liebsten mit Erdbeerfüllung. Zumindest für mich. Logisch, oder?

“Kaffeestückchen mitbringen!”, hab ich ihm gesagt

Mein Freund ist geborener Berliner. Ich würde nicht behaupten, dass unbedingt jedes Klischee auf ihn zutrifft und Hochdeutsch spricht er auch ganz gut ;). Aber manchmal versteht er mich einfach nicht. Kaffeestückchen sollte er mitbringen. Gibt’s nicht. Was soll das sein? Kuchen? Ups, da hat sich wohl ein Begriff aus meiner Heimat eingeschlichen. Also merken: Wenn ich hier etwas Süßes zum Kaffee möchte, bestelle ich einfach eine Mohnschnecke, ein Pudding-Teilchen oder, natürlich, Pfannkuchen! Das ist ausnahmsweise mal einfach, das muss ich den Berlinern lassen.

Döner und Currywurst

Döner gibt es in Berlin wie Sand am Meer und in allen Variationen. Und wenn man fünf Berliner fragt, wo es den besten gibt, bekommt man sechs Antworten. Döner gehört für mich irgendwie zu Berlin, weil er einfach so präsent ist. Meinen Lieblings-Döner konnte ich hier aber noch nicht finden. Dafür allerlei andere leckere Dinge, wie natürlich die Currywurst :).

Wie spät ist es?

Um 17.15 Uhr würde ein waschechter Berliner (wie ich festgestellt habe vor allem die aus dem östlichen Teil der Stadt und dem Brandenburger Umland) sagen: Viertel sechs. Für mich ist das Viertel nach fünf. Klingt für mich auch viel logischer. Andere sind da anderer Meinung. Ich weiß, dass die ewige Uhrzeiten-Diskussion nicht nur in Berlin, sondern auch anderswo geführt wird. Trotzdem gehört sie zu meiner ganz persönlichen Berliner Herausforderung, weil ich vor allem seit ich hier lebe damit in Berührung kam. Und inzwischen verstehe ich beide Sprachen. Es sei denn, jemand hat es richtig und in allen Lebenslagen drauf mit dem Berlinern, dann wird’s schwierig… Aber hey, welcher Nicht-Saarländer versteht schon die Saarländer, wenn sie mal richtig los legen.

Es ist laut, es ist voll… und alle lieben es.

Ganz ehrlich, ich komme zwar nicht vom Bauernhof, aber manchmal ist mir Berlin einfach zu groß. Und zu unfreundlich. Wieso schimpft mich der Busfahrer aus, wenn ich mich doch einfach ganz freundlich erkundigen möchte, ob er denn auch dort hin fährt, wo ich hin will? Wieso fährt die S-Bahn nur alle zehn Minuten, obwohl sie permanent maßlos überfüllt ist (“jerammelt voll”, muss es dann wohl heißen)? Wo kommen all die Menschen her, die rund um die Uhr “knülle” sind? Und wieso lassen eigentlich alle Leute überall ihren Müll rumliegen? Es gibt viele Dinge, über die ich mich gerne beschweren würde. Und Berlin hat sicherlich noch unzählige viele Eigenheiten, über die sich mit einem (oder auch zwei) Augenzwinkern berichten lassen würde.

Doch zum Schluss möchte ich noch sagen, dass ich an Berlin auch unheimlich gewachsen bin. Wer hier überleben kann, überlebt überall. Wobei das natürlich nur meine persönliche Meinung ist. Und ich kann euch verraten: ein bisschen Berlin steckt auch in mir – mein Opa war nämlich Berliner!

Eure Paula


Die Zeitschrift, auf deren Titelbeitrag ich im Vorbeigehen aufmerksam geworden bin, ist “Das Magazin für Studierende – Campus Berlin”, herausgegeben von tip Berlin und ZITTY. Ausgabe Sommersemester 2017.

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3 Kommentare

  1. Hajo
    10. Mai 2017 / 19:00

    Das ist ein ganz toller text von dir. glueckwunsch

    • paulainmotion
      Autor
      10. Mai 2017 / 21:39

      Viele lieben Dank!

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