Shanghai, Stadt der Kontraste

Ihr Lieben,

heute gibt es endlich meinen zweiten Blog-Post zu Shanghai für euch. Im ersten ging es vor allem um mein Laufabenteuer in China. Heute möchte ich euch von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten, mit der Kultur und einer Stadt, die ich im ständigen Wandel zwischen Tradition und Moderne erlebt habe. Die knapp 72 Stunden waren viel zu kurz, um Shanghai gut kennenzulernen. Dieser Bericht ist eine ganz persönliche Momentaufnahme. Shanghai in a nutshell. Doch was ich nach der kurzen Zeit schon weiß: ich möchte wiederkommen, um die Stadt und die chinesische Kultur mit etwas mehr Zeit nochmal aus der Nähe zu betrachten.

In mein Shanghai-Abenteuer bin ich am Mittwoch Vormittag in Berlin-Tegel gestartet. Vor mir standen fast 15 Stunden Flug mit Zwischenstopp in Amsterdam. Dort habe ich auch Michele, einen italienischen Blogger, der mit mir gemeinsam zu diesem Abenteuer eingeladen wurde, zum ersten Mal getroffen. Zusammen machen wir uns von den Niederlanden aus auf den Weg in Richtung Pudong International Airport. Wir überspringen im Flug eine ganze Nacht und als wir landen, ist es 10 Uhr Ortszeit am Donnerstag. Geschlafen haben wir kaum, doch wir befolgen die Tipps uns nicht erst im Hotel hinzulegen, sondern uns gleich an den zeitlichen Rhythmus vor Ort anzupassen.

Tag 1 | Erste-Eindrücke-Donnerstag

Wir fahren mit dem Auto vom Flughafen, der etwas außerhalb liegt, ins Stadtzentrum. Der erste Eindruck ist karg und leer. Alles wirkt auf mich ein wenig grau, irgendwie farblos. Das hatte ich nicht erwartet. Je weiter wir in Richtung Stadtzentrum fahren, desto belebter werden die Straßen. Es tauchen immer mehr Roller und Fahrräder auf, bunt geschmückt fahren sie kreuz und quer. Straßenregeln? Ich kann auf den ersten Blick keine erkennen und ziehe das ein oder andere Mal vom Auto aus schützend den Kopf ein. Doch unser Fahrer weiß, was er tut und bringt uns sicher ins Hotel. Dort stellen wir nur kurz das Gepäck ab, bevor es gleich weitergeht zum Mittagessen.

Bestellt wurde schon, eine bunte Auswahl für alle. Trotzdem werfe ich einen neugierigen Blick in die Karte. Die ist chinesisch und ich verstehe kein Wort. Zum Glück ist die Karte reich an Bildern, mit Hilfe derer ich zumindest das ein oder andere erraten kann.

Was dann letzten Endes auf dem Tisch stand? Nun ja… den Reis, den konnte ich erkennen. Und auch Hühnchen und Gambas. Abgesehen davon war der Tisch reich gedeckt. Probiert habe ich alles, was es war, weiß ich größtenteils nicht, auch meine europäischen Begleiter konnten mir nicht alles so genau erklären. Dafür konnten sie mir aber die richtige “Stäbchenhaltung” zeigen und während ich beim ersten Mittagessen noch etwas zu kämpfen hatte, hatte ich die Stäbchen im Laufe der drei Tage in China dann irgendwann ganz gut im Griff.

Was ich hingegen erst nach einer Weile verstanden habe: wer im Restaurant so wie ich am liebsten Wasser trinkt, sollte ganz direkt nach kaltem Wasser fragen. Sonst gibt’s nämlich ein Glas warmes, wenn nicht sogar heißes Wasser. Kaltes Wasser bekommt man im China im Restaurant nämlich gratis, warmes nicht. Deshalb servieren die Kellner gerne mal von sich aus warmes Wasser, wenn man einfach nur nach Wasser fragt. So kochend heißes Wasser zum Essen fand ich dann aber doch nicht so toll, weshalb ich in den kommenden Tagen dann entweder um kaltes Wasser gebeten oder gleich einen der leckeren Tees bestellt habe, von denen ich in den drei Tagen wirklich viele gute probieren durfte.

Die beiden Niederländer Jurian und Renz von 361°Europe, die Michele und mich zu dieser Reise eingeladen haben und uns die ganze Zeit begleiten, schlagen vor, dass wir den Rückweg zum Hotel zu Fuß antreten. Die halbe Stunde, die wir eigentlich immer nur am Fluss entlang laufen mussten, wurde zu einem ausgedehnten zweistündigen Spaziergang. Ich bin mir nicht sicher, ob die Beiden immer so genau wussten, wo wir gerade waren :D. Aber so haben wir einen ersten lebendigen Eindruck von Shanghai bekommen, der sich wirklich gelohnt hat. Es hat mich sehr beeindruckt, wie viel Altes in Shanghai doch noch erhalten ist, vor allem im Vergleich zu der beeindruckenden und sehr modernen Skyline voller Wolkenkratzer, auf die man vom Shanghai Bund aus blickt. In Shanghai kann man durch wunderschöne Tempelanlagen spazieren und eine Ecke weiter trifft man auf moderne Gebäudekomplexe oder ein altes Wohnviertel. So viele Kontraste wie in Shanghai habe ich selten in einer Stadt erlebt. Ich finde die Mischung wirklich aufregend und kann kaum alles aufnehmen.

Auf dem Weg zurück zum Hotel kommen wir außerdem an einer Reihe von Läden mit Fisch und anderem Meeresgetier vorbei. Dort wird mir erklärt: was in China als frisch angesehen wird, muss noch leben. Das erklärt die vielen Fische, die nach Luft schnappend in den spärlich mit Wasser befüllten Eimern japsen. In einem der Eimer entdecke ich Schildkröten. Auf mich wirkt das gleichzeitig befremdlich und doch auch spannend. Vieles ist so anders als bei uns und ich möchte das Land kennenlernen mit all seinen Facetten.

Am Nachmittag dürfen wir dann noch gemeinsam mit einer Uni-Laufgruppe, die sich gerade auf einen Marathon vorbereitet, über die Tartanbahn des Campus unsere Runden drehen (mehr dazu hier), bevor wir in einem wundervollen Restaurant mit Blick auf den Shanghai Bund zu Abend essen dürfen. Der niederländische Chefkoch serviert uns einen Mix aus seiner Heimatküche und alledem, was er in der chinesischen Küche kennengelernt hat. Fast bin ich nach der anstrengenden Reise und dem langen Tag zu müde, um die vielen Eindrücke aufzunehmen. Doch ich halte mich wach, sauge alle Eindrücke auf wie ein Schwamm und bin am Ende doch froh, endlich zurück im Hotel zu sein und zumindest ein wenig Schlaf nachzuholen.

Tag 2 | Kultur-und-Karaoke-Freitag

Am Freitag hatten Michele und ich das Glück, eine total liebe Begleiterin an unserer Seite zu haben, die sich noch dazu in Shanghai bestens auskennt. Mika, eine ehemalige Kollegin von Renz und Jurian, die inzwischen in Shanghai lebt, hat uns den Yu Garden gezeigt. Dieser stammt ursprprünglich aus dem Jahre 1559, hat inzwischen mehrfach den Besitzer gewechselt und wurde renoviert. Heute ist er zu meiner großen Freude der Öffentlichkeit zugänglich. Hier durften wir das alte, traditionsreiche China kennenlernen mit seinen beeindruckenden Bauwerken und der Gartenkunst. Wisst ihr eigentlich, wieso die Brücken über den kleinen Teichen so verwinkelt gebaut sind? Diese Bauart folgt dem Glauben, dass böse Geister nicht um die Ecke fliegen können. Die verwinkelte Bauweise hält sie also davon ab, die Gebäudekomplexe zu betreten. Eine schöne Idee, findet ihr nicht?

Rund um den Yu Garden gibt es allerlei Souvenir-Shops für Touristen. Viele Touristen scheinen eher aus dem asiatischen Raum zu kommen, so scheint mir. Michele und ich fallen mit unserem europäischen Aussehen auf. Mehrfach habe ich aus den Augenwinkeln gesehen, wie das ein oder andere Smartphone auf uns gerichtet wurde. Eine Frau hat mich sogar ganz direkt gefragt, ob sie ein Selfie mit mir machen dürfte. Wie kurios! Also galt: wundern und freundlich lächeln ;).

Wenn ich schon einmal in China bin, so wollte ich natürlich auch ein paar Souvenirs einkaufen. Das Schöne war, dass Mika uns ein paar typisch chinesische Dinge zeigen konnte, so dass wir nicht nur den Touri-Plastikkram gekauft haben. Für meine jüngeren Geschwister habe ich zum Beispiel ein paar der weißen Rabbit-Bonbons gekauft, die unterm Weihnachtsbaum richtig gut ankamen. Aus was sie genau sind? Tja, dafür müsste man jetzt chinesisch können. In jedem Fall sind sie nicht ganz so süß und kleben super zwischen den Zähnen :D.

Mika hat uns dann noch in einen sehr schönen Teeladen begleitet, in dem wir dann auch gleich einige Tees probieren durften. Da ich noch nie bei einer solchen traditionellen Tee-Verköstigung dabei war, war das für mich besonders spannend. Am besten geschmeckt hat mir der Oolong-Tee der, wie ich nach meiner Rückkehr rausgefunden habe, auch unter Teeliebhabern hierzulande gar nicht so bekannt ist. Gut, dass ich ein bisschen davon in meinen Koffer gepackt habe. So kann ich Shanghai noch eine ganze Weile Zuhause weiter genießen!

Nach einer kurzen Hotelpause kam dann für Michele und mich das ultimative China-Erlebnis. Es ging in eine der vielen Karaoke-Bars, die einfach kein Verlgeich zu dem war, was ich aus Deutschland kenne. Als wir im obersten Stock des Gebäudes aus dem Aufzug steigen ist es laut, schrill und bunt. Überall wirbeln Gäste und Kellner durcheinander, neben dem Empfangstresen strahlt ein knallbunter Weihnachtsbaum. Nachdem wir uns angemeldet haben, werden wir durch einen langen, sehr langen Gang geführt, der mich an eine kleine Gasse im schicken Paris erinnert. Wir kommen an Haustüren und Fenstern vorbei, hinter denen sich die kleinen privaten Karaoke-Zimmer befinden. Straßenlaternen im Retro-Chic leuchten uns den Weg. Angekommen in unserer “Box” starten die etwas erfahreneren Karaoke-Sänger unserer Gruppe auch sogleich den großen Bildschirm und los geht’s. Was folgt ist ein feuchtfröhlicher Abend voller schiefer Töne, aber mit unglaublich viel guter Laune, viel Lachen und zahllosen Gesangs- und Tanzeinlagen. Wenn alle mitmachen, macht Karaoke einfach unheimlich viel Spaß. Ich bin vollkommen übermüdet, habe in der letzten Nacht keine vier Stunden geschlafen, und habe trotzdem eine der besten Nächte seit langem.

Während Michele und ich übrigens die Touristen raushängen lassen und erstmal ein paar Pommes bestellen (ja, manchmal muss es eben dann doch zwischendurch Altbekanntes sein), landen auf dem Tisch auch noch Zungen und Entenhälse. Ich gebe zu – davon habe ich nicht probiert. Von Michele, der tapfer alles ausprobiert hat, habe ich mir allerdings sagen lassen: lecker war’s!

Tag 3 | Feuertopf-Samstag

Der Samstag war vor allem zum Laufen und für das Finish Event reserviert, davon habe ich euch ja schon in meinem ersten Shanghai-Post berichtet. Heute möchte ich euch deshalb nur noch vom Abendessen berichten, das eine weitere für mich total neue kulinarische Besonderheit bereithielt. Am Nachmittag wurde ich gefragt, was ich denn von Hot Pot zum Abendessen hielte. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, was das sein sollte. Da ich mich auf Reisen aber immer gerne auf Landestypisches einlasse, habe ich natürlich nicht nein gesagt.

Als wir das Restaurant betreten ist es unglaublich warm, in der Luft stehen die verschiedensten Essensgerüche. Wir ziehen vorbei an vielen Tischen, mein Blick erspäht allerlei Dinge, darunter auch Hirn. Kurz schaudert es mir – was in der einen Kultur Delikatessen sind, ist für die andere Kultur eben doch gewöhnungsbedürftig. Als wir an unserem Platz ankommen, entzündet der Kellner die in den Tisch eingelassene Feuerstelle, auf die er einen großen gusseisernen Top stellt. Darin befindet sich eine Brühe und verschiedene Zutaten, die ich nicht erkennen kann.

Wir werden gebeten, uns unsere Sauce zu holen. Dafür gehen wir an eine Theke, auf der die verschiedensten Saucen, Dips und Allerlei zum Drüberstreuseln aufgebaut sind. Die Beschriftungen sind in der Landessprache, ich habe keine Ahnung, was da alles vor mir steht. Gerne würde ich mir in Ruhe alles ansehen, aber die Menschen stehen dicht gedrängt und ich möchte niemandem im Weg stehen. Also mache ich es den Anderen nach und mische ein paar der Saucen in meiner Schüssel, bevor ich zurück zu meinem Platz gehe.

In die inzwischen kochende Brühe wir dann im Laufe des Abends alles hineingeworfen, was auf den Tisch kommt. Salat, Fleischbällchen, Nudeln, Innereien, Kartoffelscheiben, Meeresfrüchte, Gemüse,… Die größte Herausforderung für Michele und mich: mit den Essstäbchen genau die Dinge wieder herausangeln, die wir gerne essen würden. Wie ihr euch vorstellen könnt, war unser Ess-Tempo.. nun ja, sagen wir mal, wir waren sehr langsam :D. Neben dieser kulinarischen Erfahrung lerne ich an diesem Abend auch noch eine weitere Besonderheit der chinesichen Kultur kennen. Wo bei uns am Tisch jeder dann trinkt, wenn ihm danach ist, gelten hier andere Regeln. Getrunken wird nur, nachdem alle zusammen angestoßen haben. Und angestoßen wird nur, wenn die wichtigste Person am Tisch dazu aufruft. Dann wird angestoßen – und zwar so, dass die wichtigste oder ranghöchste Person ihr Glas als oberstes hält. Alle anderen müssen sich unterordnen. Und da aus Höflichkeit dann alle versuchen, ihr Glas unter dem des Nachbarn einzuordnen, wird schnell mal quasi unterm Tisch angestoßen. Wir haben jedoch Glück – während unseres Abendessens wird die Regel außer Kraft gesetzt und wir dürfen trinken, wann wir möchten.

Nach einem dritten und abermals beeindruckenden Tag geht es zurück ins Hotel, bevor wir uns am nächsten Morgen auf dem Weg zum Flughafen machen. Nachdem dort vier Mal unsere Pässe kontrolliert werden und wir jedes Mal wieder in einer Schlange stehen müssen, schaffen wir es gerade rechtzeitig zum Boarding und treten erschöpft und vollkommen überwältigt von den ganzen Eindrücken, die auf uns herab geprasselt sind, den Rückflug an.

Bis bald, Shanghai!

Das waren sie – die Eindrücke meiner allerersten Reise in ein Land außerhalb Europas. Wenn ihr euch übrigens fragt, wie das mit Seiten wie Instagram oder Facebook von China aus funktioniert: ich habe die Wlan-Verbindung des Hotels genutzt und schon vor meiner Abreise einen VPN Client auf meinem Smartphone und auch auf dem Laptop installiert. Damit konnte ich problemlos auf alles zugreifen.

Shanghai ist definitiv eine Reise wert – auch wenn ich euch empfehlen würde, möglichst etwas mehr Zeit als nur drei Tage einzuplanen, um euch wirklich in Ruhe auf die Stadt einlassen zu können. Für mich wird es bestimmt nicht das letzte Mal in China gewesen sein.

Eure Paula

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